Textatelier "Wortlaut"

Max, Welly und der Mond

Die Sonne blinzelt vom Himmel. Als ob es eine andere Sonne wäre, von einem anderen Himmel, denke ich. Mein Neffe ist zu Besuch gekommen. Max. Eigentlich Maximilian. Achteinhalb Jahre alt. Früher hätte ich den Knaben gefragt, was er einmal werden möchte. Heute frage ich ihn, wie er einmal leben möchte. 

„Ich möchte mit einem Raumschiff fahren. Und am Südpol die Pinguine sehen. Einen Hund möchte ich haben, der soll Welly heißen. Und ich möchte hundert Tage lang jeden Abend eine Aufnahme vom Mond machen. Immer zur selben Uhrzeit, bei jedem Wetter.“

Die Tierliebe hat er von mir geerbt, denke ich. Seine Eltern können aber keine Haustiere leiden, schon gar keine Hunde. Ich habe sie oft darüber diskutieren hören, dass ein Hund in ihrer Stadtwohnung einfach nicht gehalten werden könne. Hunde sind da verboten. Niemand hat einen Hund in dem Kondominium. Die Fahrt mit dem Raumschiff scheint realistischer.

Ich frage ihn, ob er denn schon eine Kamera für seine Mond-Serie habe.

„Ich spare seit fünf Monaten dafür.“ 

Ich höre den Stolz in Max Stimme. Jetzt bin ich neugierig geworden. Ob er denn Taschengeld bekäme?

„Ja, aber meine Eltern brauchen das Meiste ihres eigenen Taschengeldes selber.“

Ich runzle die Stirn. Die Mietkosten, der Eintritt für das Fitnesscenter und die Telefongebühren gehen zu Lasten des Handyherstellers, für den meine Schwester und ihr Mann arbeiten. Dort haben sie sich auch kennengelernt.

„Sie sagen, dass sie nicht immer nur mit den Kollegen essen und in den Urlaub fahren wollen. Auch wenn das viel mehr Geld kostet.“

Ich verstehe. Damit hatte sich meine Schwester schon Ärger in ihrer Abteilung zugezogen. Unkollegiales Verhalten. Eine schlechte Note im Zeugnis. Ihr Mann versucht es mit der massenhaften Bestellung beim Delivery Service der Firmen-Lunchpakete wieder wettzumachen. 

„Geld, das wir nicht haben. Geld, das es nicht mehr gibt, sagt meine Mama dann immer. Geld, das nur auf den Kreditkarten existiert. Aber das verstehe ich nicht, Tante. Wie kann etwas existieren, das ich gar nicht anfassen kann?“

Ich seufze. Der Junge hat recht. Ich erkläre es ihm. 

„Aber ich fände es viel toller, wenn für mein Geld noch echtes Gold in der Bank hinterlegt wäre. So wie früher. Das ist einfach zu verstehen. Sogar für mich. Und Mama sagt immer, ich bin noch zu klein für Dinge wie Geld und Finanzen. Nur mit dir kann ich darüber sprechen. Du hast immer so gute Erklärungen, Tante.“

Der Kleine weiß natürlich genau, wie er mich um den Finger wickeln kann. Ich lächle. Dann hole ich den Schokokuchen aus dem Backrohr. Er duftet herrlich. Meine Nachbarn lachen mich immer aus, weil ich noch selber koche, aber keine Backmischung der Welt kann mit meinem Schokokuchen mithalten. Mit Sahne ist er unschlagbar. 

„Tante, wieso hast du eigentlich so viel Geld? Meine Eltern sagen immer, ja die Annie, die braucht nicht reden, der geht es ja gut. Geht es uns nicht gut?“

Ich seufze wieder. Dann erzähle ich ihm meine Geschichte.

„Ich wusste gar nicht, dass du auch mit acht Jahren zu sparen begonnen hattest. Und dass du das für deine Eltern gemacht hast, weil diese Schulden hatten. Deine Eltern haben also ein richtiges Haus gekauft, ganz alleine für euch? Das ist ja Wahnsinn! Ich kenne niemandem mit einem Haus. Außer dich natürlich, Tante.“

Ich sage ihm, dass ich meinen Eltern geholfen habe, ihre Schulden abzuzahlen, und dass sie mir ihr Haus vererbt hatten.

„Wie hast du es geschafft, so viel Geld aufzubringen? Du hast mir ja gerade gesagt, dass ihr fast zweihunderttausend Euro Schulden hattet! Meine Eltern würden, glaube ich, einen Herzinfarkt kriegen.“

Der Kleine lacht. Ich erkläre ihm auch das. In seinem Alter war ich genau gleich. Ich wollte alles wissen, die Welt retten und noch viel mehr. Wenn mir meine große Cousine damals nicht mit dem Thema Geld geholfen hätte, hätten wir wohl unser Haus verloren und würden heute noch auf einem Berg von Schulden sitzen.

„Tante, du bist ja wirklich fantastisch. Du hast deine Eltern zum Berater geschickt und ein eigenes Sparsystem erfunden. Und das Beste ist, dass du damit Geld verdient hast, indem du dich für andere nützlich gemacht hast! Das könnte ich eigentlich auch machen. Ich kann gut fotografieren und ich kann Videos schneiden und bearbeiten. Schau! Ich zeig dir, was ich gedreht habe.“

Ich bin beeindruckt. Mit der neuen Technik kann ich mich einfach nicht anfreunden. Das war schon damals so, als alles digital umgestellt wurde. Der große Zeitgewinn, den alle propagiert hatten, ist ausgeblieben, aber man war im Netz. Alle wollten im Netz sein. Ein paar fielen aus dem Netz heraus. Sie waren einfach nicht konform. Ein paar verhedderten sich im Netz. Sie kamen nie mehr raus. Aber die große Masse schwamm einfach inmitten des Netzes. Sie wähnte sich frei, bis der Fischer sie ins Boot zog.

„Ich will auch einmal reich werden, Tante. So wie du! Dann kann ich eine super Kamera für meine Mond-Fotografien machen. Und ich kaufe mir die neuesten Softwares für meine Videos. Wenn ich auf den Mars fahre, dann kann ich die Aufnahmen von dort direkt live zur Erde senden. Dann kannst du sie auch sehen!“

Ich kann mir mein Grinsen nicht verkneifen. Was er während seiner Raumfahrten mit dem Hund mache, frage ich ihn.

„Welly kann in der Zwischenzeit bei dir bleiben, Tante. Dann leistet er dir Gesellschaft. Und in deinem Haus mit dem großen Garten hat er genug Platz zum Spielen.“

Wir lachen beide. Ich verspreche ihm, gut auf Welly aufzupassen, wenn es dann einmal so weit ist. Aber davor wolle ich ihm noch etwas mitgeben. Er müsse mir versprechen, es gut aufzubewahren und sorgfältig durchzulesen, wenn er wirklich reich werden wolle. Ich erkläre ihm, dass ich diesen Umschlag damals von meiner Cousine bekommen habe, als ich so alt war wie er.

„Das ist ja ein Auszug von einem Tagebuch! Und das hat deine Cousine geschrieben? Die Schrift ist ja ganz krakelig, ich kann den Text kaum lesen. Der Brief schaut uralt aus.“

Ich nicke andächtig. Dann händige ich ihm den Text aus. Mir hatte er gut gedient. Meine Cousine war schon verstorben, aber sie hätte es gewollt. Max ist ein kluger Junge. Er wird verstehen, sobald die Zeit dafür reif ist. Ich selbst hatte ein paar Jahre dafür gebraucht.

„Danke, Tante.“

Max stopft sich das letzte Stück Kuchen in den Mund, schnappt sich den Umschlag und läuft in den Garten. Dort setzt er sich unter einen alten Apfelbaum und beginnt zu lesen.  

„Ich habe etwas verstanden.

All die Obstgärten, die mich umgeben, die Weinhänge und die Apfelplantagen, sie gehören schon mir. Jeder einzelne Apfel und jede einzelne Traube symbolisieren ein Goldstück in meinem Vermögen. Soweit mein Auge die Felder sehen kann, gehören sie mir. Sie sind schon da, sie waren schon immer da. Ich lebe mitten im Überfluss, ich habe es nur nicht bemerkt. Ich dachte, dass die Wiesen und Äcker jemand anderem gehörten, dass sie alle schon besetzt seien und nur mit viel Arbeit und Anstrengung zu ergattern seien. Doch diese Annahme ist falsch. Ich lebe inmitten meiner Felder und auf ihnen gedeiht das prächtigste Obst in absolutem Überfluss und ganz leicht, ohne mein Zutun, ohne Anstrengung. Jeden Tag reift das Obst unter der Sonne, es wird bewässert und gepflegt, und es gehört schon alles mir. Ich sehe es jetzt. Ich erkenne es erst jetzt, ich weiß nicht, warum. Es hat einen Sinn, dass ich inmitten dieser Pracht und Fülle lebe – sie symbolisiert meinen finanziellen Garten, mein materielles Vermögen. Ganz leicht fließt das Geld in meinen Garten, es wächst und gedeiht dort prächtig, so wie all die Äpfel und Trauben auf den Hängen und Wiesen vor mir. Jede einzelne Frucht steht für ein Goldstück meines Vermögens und finanziellen Reichtums, ja Überflusses. Danke dafür. 

Das Leben ist leicht, es will nicht, dass ich mich anstrenge – die Vögel im Himmel, sie strengen sich auch nicht an, sie fliegen einfach, und ich bin ein Adler. Ich scharre nicht mit meinem Schnabel in der Erde, um nach Körnern zu suchen, sondern ich breite meine Flügel aus und fliege – leicht und frei, ohne Anstrengung – ich lasse mich einfach von den Lüften tragen und vom Wind treiben. 

Das Leben will immer das Beste für mich. Alles fließt mir im Übermaß zu, alles ist da, im Überfluss. Ich bin dafür offen und empfange mit ausgebreiteten Armen und voller Dankbarkeit und Glück. Es gibt im Leben nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren, das Leben kann nur gelebt werden, es ist ein Spiel, das man nur spielen kann. Und genießen. Und ich blicke wieder auf die weiten Felder und Wiesen vor mir, voll beladen mit den prächtigsten Früchten – sie alle gehören schon mir, schon lange, sie warten nur auf mich. Sie wachsen und gedeihen so herrlich und ganz ohne mein Zutun, alles ist ganz leicht und in absolutem Überfluss bereits vorhanden. Danke. Jetzt habe ich es verstanden.“ 

Ich sehe, wie Max stirnrunzelnd den Brief wieder in das Kuvert steckt. Sein Blick wandert zum Baum über ihn. Noch sind die Äpfel klein und grün, aber in wenigen Monaten werden sie saftig und reif sein. 

„Ich verstehe das nicht, Tante. All diese Äpfel sollen schon mir gehören?“

Ich setze mich zu ihm ins Gras. 

„Du musst reich denken, Max, damit der Reichtum auch in dein Leben kommen kann. Das ist der erste Schritt. Dann tu einfach das, was du gut kannst und was du gerne machst. Und glaub immer an dich und an deine Träume! Dann werden sie sich erfüllen.“

Ich streichle ihm über sein Haar. 

„Du meinst, wenn ich auf den Mars fliegen will, soll ich mir schon vorstellen, dort zu sein?“

„Genau! Du hast es verstanden. Du kannst auch ein Bild von dir ausschneiden und auf ein Foto von einem Raumschiff kleben. Dann siehst du dich schon dort, noch bevor du da bist.“

„Tante, das ist eine wirklich coole Idee. Ich werde gleich damit loslegen.“

Schon läuft Max los, um im Wohnzimmer an meinem Laptop nach passenden Aufnahmen zu suchen. 

Ich freue mich.

„Mein Lieblingsneffe“, rufe ich ihm nach, „ich bin so stolz auf dich!“

„Ich bin dein einziger Neffe“, erwidert Max lachend, bevor er hinter der Eingangstür verschwindet.