Textatelier "Wortlaut"

Stimme…

Kennst du das Gefühl, mit leiser Stimme aus einem viel zu lauten Schlaf zu erwachen? Ein Schlaf, ach – wäre er doch nur ein Traum! – der viel zu schwer auf deinen Gliedern liegt und dich niederdrückt, niederdrückt auf das feuchtnasse Kissen, auf dem du dich wälzt, von einer Seite auf die andere, während du dich in deiner Mitte nicht mehr findest und dann am Morgen, ja in der Früh, wenn der Tau glänzend vom Halm perlt, erwachst du mit erstickter Stimme und hörst voll Neid die Vögel singen. Und du – knisternd, knatternd, krächzend, knirschend, ächzend, lechzend, lispelnd, flüsternd – wisperst am Abend des Tages ein Gebet mit gespitzten Lippen, es möge dir ein Engel das Singen lehren, auf dass du mit den Himmelsstürmern zum Sonnenaufgang zu jubilieren vermagst.

Und stell dir vor, so ein Engel ließe sich finden. Würdest du nicht alles tun, um seine göttlichen Gesänge zu imitieren? Wärst du nicht euphorisch, würdest du dich nicht an den zarten Klängen laben, an den kräftig-vollen Tönen erquicken, während dein Herz erblüht und dir wie eine innere Sonne aufgeht, übergeht, aus dir heraus scheint, sodass du selbst im Dunkeln leuchtest? Hättest du nicht das Gefühl zu fliegen, hoch über dem düsteren Abgrund, in den du zu fallen drohtest? Watteflockenweich und luftschlangenbunt, regenbogenfarben und kraftvoll-samtig zugleich zeichnest du deine Klänge voll Elan in die unendliche Kuppel und hörst verzaubert dein schallendes Echo, das dir entgegen lächelt, während du verzückt lieblich-verspielte Töne in die von Freudenmusik geschwängerte Luft malst und deine glitzernden Frequenzen den grauen Nebelvorhang zerreißen, sodass sich deine diamantenen Kreise auch auf dem sonnenbeglänzten Ozean glitzernd spiegeln und wie tausend Sterne funkeln. Oh fantastische Ekstase, spritziger Funke, der du das lodernde Feuer entfachtest, schmetterlingsleichter Hochgesang, so zart wie gewobenes Glas und so erfüllend und stark, dass das Universum davon bebt, während dein Klang wie ein Meteor in die Unendlichkeit fällt – diese mitreißende Flut ist deine Musik, aus dir selbst heraus, der du den glühenden Erdmittelpunkt und luftigen Wolkenschaum in dir vereinigst, aus deiner einzigartigen Stimme, die sich im vollendeten Ton kunstvoll vervollkommnet und verewigt, und sie mündet schließlich in dein prächtiges Klangmeer, an dessen Gestade dir der Engel deine Flügel verleiht und du dich nun damit dankend in die Lüfte schwingst.  

                        …Ich habe einen Engel gefunden.

                                                                                              Danke.