Textatelier "Wortlaut"

Urlaub in Ferrara

Nun ist es ja allgemein bekannt, dass die skurrilsten Geschichten nicht der Fantasie eines Schreiberlings, sondern dem Leben selbst entstammen. So trug es sich denn zu, dass ich neulich in den Genuss eines hochinteressanten Gartenzaungesprächs meiner Nachbarn kam. Die treuherzige, aber leicht naive Olga und ihr Mann Gerd verrichteten gerade diverse Arbeiten vor dem Haus, als die neu zugezogene Familie Neumann vorbei spazierte. In ihrer großmütterlichen Art hatte Olga die Neulinge von Anfang an unter ihre Fittiche genommen und tauschte bei passender Gelegenheit gern ein paar Nettigkeiten mit ihnen aus. Wo denn die Kinder seien, fragte sie, als das Ehepaar mittleren Alters alleine daherkam, und ob sie sich denn schon an den Wetterumschwung gewöhnt hätten. Die Neumanns schienen sich über das nachbarschaftliche Interesse zu freuen, beantworteten alle Fragen und kommentierten die aufkommende kalte Jahreszeit mit einem leicht wehmütigen Loblied auf den ausklingenden Sommer. Auf diese Weise ergab es sich, dass die beiden Frauen begannen, sich über ihre Sommerurlaube auszutauschen und die arme Olga nach dreißig langen Ehejahren feststellen musste, dass ihr Mann augenscheinlich nicht den besten Umgang mit dem Navi zu pflegen wusste. 

O: „Wir fahren ja jedes Jahr nach Italien. Seit unserer Hochzeitsreise! Das habe ich mir damals so gewünscht.“
N: „Nein, das ist ja interessant. Wir waren heuer auch in Italien! Ansonsten fahren wir ja gern einmal hierhin, einmal dorthin, du weißt ja…
O: „Ja, natürlich, wir sind da eher traditionell. Wenn wir uns irgendwo wohlfühlen, bleiben wir da. Und die italienische Kultur und Lebensweise haben uns einfach sofort zugesagt!“
N: „Das verstehe ich gut…ist ja ganz anders hier als bei uns im Norden…“
O: „Genau. Hier ist es ja so flach, und da, da sind überall Berge…!“
N: „Berge?“
O: „Ja, Berge, soweit das Auge reicht, nicht wahr. Und das Essen…! Aber wo wart ihr dann heuer auf Urlaub?“
N: „In Ferrara!“
O: „Nein, das gibt es ja gar nicht. Wir auch! Jedes Jahr fahren wir nach Ferrara – seit dreißig Jahren!“
N: „So ein Zufall.“
O: „Dass wir uns da gar nicht getroffen haben!“
N: „Naja, es ist ja doch eine große Stadt.“
O: „Stadt?“
N: „Ferrara.“
O: „Ja, ja… ich finde es ist eher ein kleines Dorf.“
N: „So…“

Frau Neumann guckt ein wenig überrascht. Aber noch findet sie das Gespräch ganz nett. Olgas Mann, der Gerd, schnipselt ungestört weiter mit seiner Heckenschere. Deutsche Gründlichkeit, da kennt er nichts. Jedes Bäumchen bekommt seinen Schnitt. Herr Neumann bestellt indes Pizzen beim Italiener gegenüber, denn heute Abend wird nicht gekocht. Vielleicht ist der Italiener auch ein Türke, da sind sich die Neumanns nicht so sicher, aber nachfragen wollen sie nicht und die Pizza schmeckt, nicht nur den Kindern. Die beiden Frauen haben inzwischen richtig Feuer gefangen.

N: „Was hat euch denn am besten gefallen in Ferrara, was habt ihr so gemacht?“
O: „Wir waren fast jeden Tag wandern. Man kann ja auch fast nichts anderes machen, dort (lacht). Und ihr?“
N (verdutzt): „Wir haben uns ein paar Museen und Kirchen angeschaut und natürlich die historischen Paläste.“
O (amüsiert): „Ja, historisch sind sie, die Hütten dort.“
N (leicht ärgerlich): „Es handelt sich ja um berühmte Renaissancebauwerke…“
O (errötet): „Oh. Ja, das wusste ich gar nicht, da kenne ich mich nicht so damit aus.“
N (versöhnlich): „Aber das Schloss, das habt ihr doch gesehen?“
O (erleichtert): „Ja, ja natürlich. Ein sehr schönes Schloss. Sehr schön. Und eine Ruine gibt es auch. Und eine Kirche.“
N (zufrieden): „Eine wunderschöne Kathedrale!“
O (eifrig): „Wir haben sogar eine Messe besucht.“
N: „Nein! Ja habt ihr denn den Priester verstanden? Wir können kein Wort…!“
O (ein bisschen stolz): Wir sind ja schon viele Jahre lang dort. Aber es ist schon ein etwas komischer Dialekt.“
N (gutmütig): „Eine ganz eigene Sprache, ja…
Herr Neumann hat Schwierigkeiten mit der Speisekarte. Die „Porcini“ wird als saisonale Pizza angeboten. Pizza mit Pomodoro, Mozzarella und Porcini eben. Das Problem ist nur, dass er nicht weiß, was „Porcini“ sind. Für ihn klingt es irgendwie nach Schwein. Bauchspeck, denkt er sich, und gibt zufrieden die Bestellung auf. 

N: „Und das Essen erst! Himmlisch!“
O: „Jawohl, eine ganz tolle Küche! Was mögt ihr denn am liebsten? Wir lieben ja die hausgemachten Knödel, den Speck und diese…diese Schlutzkrapfen!“
N (runzelt die Stirn): „Ravioli. Oder Tortellini meinst du…? Ich esse ja gern mediterran. Fisch und so. Auch wenn Ferrara noch mitten am Festland liegt.“
O (treuherzig): „Ja, aber es gibt ja einen Stausee in der Nähe…“ 
N (etwas geladen): „Die Adria?“
O (irritiert): „Ich weiß nicht, wie er heißt. Aber einen kleinen Bach gibt es auch nicht unweit von Ferrara.“
N (mit zusammengebissenen Zähnen): „Den Po…!?“
O (gespielt lustig): „Ja, er liegt schon ein wenig am A…der Welt.“
N: (leicht aufgebracht): „Immerhin der längste Fluss Italiens.“
O (erschrocken): „Oh.“
N (skeptisch): „Aber ihr wart schon in Ferrara.“
O (bemüht): „Ja, ja, freilich. Hat mir mein Mann ja extra gebucht. Seit unserer Hochzeitsreise.“
N: „Weil du in Italien Urlaub machen wolltest…“
O: „Genau. Das südliche Flair habe ich mir gewünscht.“
N: „Und?“
O: „Ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, aber sehr schön.“
N: „Wie hattest du es dir denn vorgestellt?“
O: „Ach, man hört ja immer so Sachen, wie die dort so leben…Spaghetti essen, laut reden, die Hitze. Aber nichts davon stimmt. Sind eben nur dumme Vorurteile.“
N: „Vorurteile…“
O: „Ganz wenige Leute sind da und alles abgeschieden und beschaulich. Und leise ist es, ganz leise.“
N: „Bei uns war es nicht leise.“
O: „Ja, wo wart ihr denn da!?“
N: „In Ferrara.”
O: „In Ferrara.”

Jetzt konnte sich sogar Olgas Mann, der Gerd, nicht mehr auf seine Arbeit konzentrieren und schwups, hatte er vor lauter Aufregung das hübsche Zierbäumchen völlig verhunzt. Wie können die Neumanns nur so danebenliegen? Dreißig Jahre lang waren sie nun in Ferrara, in- und auswendig kennen sie den Ort. Da muss er glatt seine Frau bewundern, dass sie so ruhig bleiben kann bei all diesem Blödsinn.


O: „Ich habe mir auch das Klima immer milder vorgestellt.“
N: „Aber im Sommer ist es schon ziemlich heiß…“
O: „Ach wo, am Abend wird es sogar im Hochsommer richtig frisch. Da weht die kalte Luft von der Höhe.“
N: „…vom Flachland.“
O (runzelt die Stirn): „Seid ihr denn gar nicht wandern gewesen?“
N (etwas erregt): „Das bietet sich nicht gerade so an dort. Wir haben mehr Kulturprogramm gemacht.“
O: „Oh…“
O (überlegt): „Wir waren auch einmal auf einem Volksfest.“
N: „Ah, das haben wir gar nicht mitbekommen.“
O: „Ja, das war die Attraktion dort. Mir gefallen ja diese bunten, traditionellen Kleider! Und die Musik erst!“
N (blüht auf): „Das kann ich mir vorstellen. Italien ist ja berühmt für seine Kunst und Musik! Wer hat denn das Orchester dirigiert?“
O: „Orchester….also Streicher waren da keine, aber eine ganz tolle Blasmusikkapelle und eine Ziehharmonika.“
N (ungläubig): „Eine Ziehharmonika? Waren es Straßenkünstler?“
O (vorsichtig): „Ja, das kann sein, direkt auf der Straße war das Fest. Alles abgesperrt von der Feuerwehr, dass niemand durchfährt.“
N: „Haben sich die anderen das so gefallen lassen? Haben sie nicht geschimpft und gehupt?“
O: „Überhaupt nicht, die haben sich alle gefreut.“
N: „Da siehst du´s, die italienische Lebensfreude…“
N: „Wer war denn jetzt der musikalische Leiter?“
O: „Andrea glaube ich, war der Name. Auf dem Plakat stand es schon, aber genauer kann ich mich nicht erinnern.“    
N: „Ah, ein fähiger Mann?“
O (irritiert): „Eine Frau…mit langen, blonden Haaren.“
N: „Oh…“

Herr Neumann kommt wieder dazu. Er bemerkt, dass beide Frauen ziemlich bemüht sind, die Fassung zu bewahren und nicht gleich direkt aufeinander loszustürmen oder sich anzuschreien. Das ist ihm unverständlich. Ein gemütlicher Plausch über den Sommerurlaub kann so verfänglich ja gar nicht sein. Frauen, will es gerade in ihm denken, aber da fällt ihm auf, dass auch Olgas Mann, der Gerd, sich ganz verkrampft an seine Gartenschere klammert, als hätte er Angst, gleich damit auf ihn und seine Frau loszustürzen. Da entscheidet er, sich sicherheitshalber doch lieber einzumischen, und schlägt seiner Gattin vor, sie könnten ja Urlaubsfotos austauschen. Die beiden Damen sind einerseits fast erleichtert und andererseits erweckt diese Idee eine seltsame Art von Kampfeslust in ihnen. Jetzt würde man ja wohl sehen, wer Recht hat mit seinen Eindrücken. Auf dem Foto hat man das schließlich Schwarz auf Weiß. Oder in Farbe. Noch besser.

O (bittet ihren Mann Gerd um das Handy, sie selbst hat keines): „Jetzt zeige ich euch unsere Unterkunft.“
N (zückt ihr neues Smartphone): „Sehr gerne. Wir waren ja in einem Hotel mitten im Zentrum…“
O: „Neben der Kirche…“
N: „Kathedrale…ja, direkt auf der Piazza.“
O (zeigt ein Foto): „Da sind wir immer untergebracht.“
N (nüchtern): „Das schaut sehr rustikal aus…“
O (zeigt noch ein Foto): „Und hier sind wir beim Pragser Wildsee.“  
N (zweifelnd): „Ihr wart in Prag?“
O: „Nein. Ferrara!“
O (zeigt mehrere weitere Fotos): „Das ist im Naturpark Fanes. Und hier sind wir auf der Hohen Gaisl. Da, auf dem Dolomiten-Höhenweg, haben wir ein Murmeltier und eine Gämse gesehen.“
N (unterbricht O.): „Ihr wart nicht in Ferrara“.
O: „Natürlich waren wir in Ferrara!“
N (wischt auf ihrem Smartphone): „Hier: das ist Ferrara. Das Castello Estense, die Kathedrale, der Palazzo dei Diamanti, das archäologische Nationalmuseum, die historischen Gebäude im Stadtzentrum…”
O (unterbricht N.): „Ihr wart nicht in Ferrara!“
N (mühsam beherrscht): „Natürlich waren wir in Ferrara!“

Jetzt sind die beiden Frauen richtig aufgebracht. Auch Olgas Mann, der Gerd, hat die Geduld verloren und rennt wutentbrannt nach drinnen, um die Fotoalben der letzten Italienurlaube zu holen. Herr Neumann wiederum findet das Ganze recht amüsant und stellt die Frage in die Runde, ob es denn möglicherweise zwei Orte mit Namen Ferrara in Italien gäbe.

O (stutzig): „Ich kenne nur dieses Ferrara in den Bergen.“
N (überzeugt): „In Italien gibt es nur ein Ferrara, das jeder kennt. Da waren wir.“

Beide tippen auf dem Handy. Olga ist etwas langsam, sie ist nicht sehr technikaffin. Ihr Mann, der Gerd, ist auch wieder da, die Fotoalben unter den Arm geklemmt. Herr Neumann fragt ihn, ob er denn mit Navi fahre. Er bejaht. Die beiden Männer holen das Gerät und kontrollieren die Adresse. Das Ergebnis verblüfft alle in der Runde. Endlich kommen Olga und ihr Mann dahinter, dass sie ihren Urlaub jahrelang zwar im italienischen Staatsgebiet, aber fernab jeglichen italienischen Lebensgefühls in Südtirol verbracht hatten! Dort hatte sie ihr Navi ins abgelegene Pustertal ins kleine Örtchen Schmieden, italienisch Ferrara, zwischen dem Sarlkofel und dem Dürrenstein hingeführt! Mit der norditalienischen Kulturstadt Ferrara in der Emilia-Romagna hat dieses Dörfchen wahrlich nichts gemein.

N (erheitert): „Das nächste Jahr kommen wir mit euch in die Berge. Wunderschön ist es da!“
O (lacht): „Da fahrt ihr dann alleine hin, denn wir müssen nach Ferrara!“
O (zwinkert ihrem Mann Gerd zu): „Unsere Hochzeitsreise nachholen.“

Alle lachen. Dann verabschieden sie sich und gehen wieder zurück in ihre Häuser, ein klein wenig nachdenklich. Es hat eben jeder sein Ferrara.